1797 Augustin Fangé Buch "Geschichte des männlichen Barts unter allen Völkern der Erde bis auf die neueste Zeit (Für Freunde der Sitten und Völkerkunde)"/Nachwort

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"Der Schöpfer des Universums konnte keine Zierde für den Mann wählen, die seiner Wahl würdiger gewesen wäre." (Schelle)

Rasieren? Ist es nicht ein Handeln gegen die gottgewollte Natur, die den Mann also geschaffen hat?

Frauen haben keinen Bart. Und wenn, dann ist er Unnatur. Früher wurden sie als Hexen verbrannt. Denn "nur ein Mann ist zur Herrschaft geboren und trägt dieses Abzeichen seiner Vollmacht, das deshalb keinen Zweifel übrig lässt. Dieser Bart, welcher sein Kinn ziert, und der bald furchtbar, bald ehrfürchtig macht, dieser Bart - wenn man ihn genau betrachtet -, entdeckt den Weibern die Absicht der Natur, und lehrt sie Demut, Unterwerfung, Gehorsam" (Schelle). Wen wundert es, wenn schon früh die Sorge des Mannes seinem Bart galt, ja dass man die Bartfrage oft zur Glaubensfrage machte.

"Gott möge dir den Bart ausreissen", war ein fürchterlicher Fluch bei den Beduinen. "Ohne Bart kommt niemand ins Himmelreich", erklärten die Patriarchen der Ostkirche auf ihrem 1551 stattfindenden Kongress. Auch den Israeliten verbot das mosaische Gesetz die Rasur. Die Heiden dagegen opferten ihr abgeschnittenes Haar den Göttern, oder es wurde verbrannt oder beerdigt. Auf jeden Fall dzrfte es nicht - da "mit der Persönlichkeit des Mannes gesättigt" - achtlos fortgeworfen werden, denn Feinde könnten sich seiner bemächtigen und es zu magischen Zwecken missbrauchen.

Priester alter Kulturen trugen immer einen Bart. Scheren, so das Argument, mache den einwohnenden Geist unbehaust, schon blosses Bartstutzen könne ihn verletzen: Rache wäre die Folge. Jahrhundertelang war der Bart Zeichen der Weisheit. Gottvater und alle grossen Götter der Völker trugen dieses Zeichen. Auch personifizierte Naturkräfte, Zwerge, Berggeister u. ä. stellte man sich mit Bart vor. Einen grossen Bart identifizierte man mit grossem Verstand... auch heute noch?

Es gab aber auch praktische Gründe, die für den Bart sprachen. Elisabeth I. (Königin von England 1558-1603), die hochgebildete und zielstrebige Politikerin, scheute auch vor unpopulären Massnahmen nicht zurück, um Hof und Heer finanzieren zu können. Sie hatte die verblüffende Idee, die Bärte ihrer Untertanen zu besteuern. Ein mehr als vierzehn Tage alter Bart fiel unter die Steuerpflicht. Die Veranlagung erfolgte entsprechend der jeweiligen gesellschaftlichen Stellung.

Ein Jahrhundert später griff Zar Peter der Grosse zum gleichen Mittel. Die Beweggründe waren allerdings andere. Die mangelnde Schulbildung sowie die wildwuchernden Bärte der russischen Bevölkerung waren seinen sich an Westeuropa orientierenden Reformbestrebungen im Wege. Da Verbote nichts nutzten, erging der Erlass, dass jeder Bartträger beim Passieren der Stadttore Steuern zu entrichten hatte. Die als Quittung ausgegebenen Kupermarken, die sogenannten "Bartzeichen", haben heute bei Sammlern hohen Kurswert.

Der Bart nutzt indessen nicht nur dem Staat, sondern vor allem dem Träger. So wärmt ein grosser Bart seinen Besitzer, wie die Wolle das Schaf wärmt. Hier stellt sich für den Fachmann die Frage: Ist der Bart - da immer kraus (Ausnahmen bestätigen die Regel) - morphologisch der Wolle oder dem Haar zuzuordnen? Die Frage "hat einen Bart": Schon Horaz beschäftigte sich damit, und noch viele nach ihm "stritten um des Kaisers Bart", nämlich um den geissenbart und seine fragliche Zuordnung zu Wolle oder Haar. Im Lauf der Zeit wurde aus dem Geissenbart der Kaiserbart.

Unbestritten ist die Tatsache, dass der Bart vor Kälte schützt - und angeblich auch vor Zahnschmerzen. "Einen von Gott bestimmten Brustschützer" nennt ihn ein Schriftsteller in einem 1860 erschienenen Buch mit dem Titel Rasiren, eine Verletzung des Sabbats und ein Hindernis für die Ausbreitung des Evangeliums. Karl Gottlob Schelle meint, "dass höchstwahrscheinlich die Natur durch das Haar am Kinn die zarten Teile des Halses vor Kälte verwahren" wollte.

Nutzen bringt der Bart seinem Besitzer nicht zuletzt dadurch, dass er ihn schmückt. "Es ist die schönste Zierde, die der Mann sich vorzugsweise verschaffen und durch die er sich ohne viel Unkosten auszeichnen kann." Und das ist doch sehr viel.

Feinden wurde der Bart kurzerhand abgenommen, ebenso Sklaven und Knechten. In Bayern waren dies die "G'scherten". Aussätzige durften keinen Bart tragen, um schon von weitem als solche erkannt zu werden.

Alexander den Grossen ärgerte es, dass die Bärte seiner Soldaten eine gute Handhabe für den Gegner waren. Er befahl kurz: "Abrasieren!" Bei den Ägyptern hatte der Bart die Bedeutung einer Krone. Auch ägyptische Königinnen trugen einen angebundenen oder angeklebten falschen Bart. Kunsthandwerker fertigten sie aus Holz, Emaille, Glas und Edelmetallen. Falsche Bärte gab es auch bei den Babyloniern, Assyrern und Persern. Die unterschiedlichsten Formen sind durch die Jahrhunderte zu beobachten (Seite 357/358). In der Regel trug nur das einfache Volk den ungekünstelten Kinnbart. Die führende Schicht liess den Bart in ganzer Länge wachsen. Wangen- und Oberlippenbart wurden sorgsam gelockt oder gekräuselt, das Kinnhaar stufenartig abwechselnd gelockt oder geflochten. Zur Bartpflege verwendete man gelbe Stärke und Goldpuder. Diese Bärte waren Kunstwerke! Bei derartigem Zeitgeschmack und dem Zwang, mithalten zu müssen (zumal der Bart die Funktion eines Statussymbols hatte), verwundert es nicht, wenn falsche Haarteile verarbeitet und Bartperücken verwendet wurden.

In Griechenland trug man bis 500 v. Chr. vorwiegend einen Kranzbart mit abstehender Bartspitze und ausrasierter Oberlippe, die "Fräse", die sehr gut auf den attischen schwarzfigurigen Vasenmalereien zu sehen ist. Das schon in der Ilias erwähnte Rasiermesser diente dazu, den Oberlippenbart zu entfernen. Plutarch berichtet in seiner Schrift De sera numinis vindicta, dass die Ephoren, die höchsten Beamten in Sparta, bei ihrem Amtsantritt das Volk durch Heroldsrufe aufriefen, sich die Schnurrbärte, d. h. die Oberlippenbärte abrasieren zu lassen. Der Sinn dieser sonderbaren Vorschrift war vermutlich, dass die Rasur ein symbolisches Zeichen für die Unterwerfung und den Gehorsam der jungen Männer unter die Staatsgewalt war.

Von den Stoikern behaupten böse Zungen, dass sie sich aus nichts soviel machten wie aus ihrem langen Bart und dass er oft ihre ganze Weisheit ausmache. Auf den "bärtigen Pädagogen" Sokrates (Seite 359) könnte der Ausspruch zurückzuführen sein: "Ich tue das (nämlich einen grossen Bart tragen) deshalb, um mich wenn ich diesen weissen Bart sehe, vor jeder Handlung zu bewahren, die seiner unwürdig wäre."

Bevor um 300 v. Chr. die ersten Barbiere in Rom ihre Arbeit aufnahmen, trug der Römer Vollbart. Soäter wechselte die Mode von Zeit zu Zeit. 120 n. Chr. wurde durch Kaiser Hadrian (Seite 360) der Vollbart in der herrschenden Schicht wieder populär; Kaiser Julian schrieb eine Satire über den Bart mit dem Titel Misopogon (Der Bartfeind).

Neue Anregungen brachten die Völker aus dem Norden, so die Gallier mit ihrem Heerführer Vercingetorix, der den nach ihm benannten Schnauzbart trug. Oder später der Ostgotenkönig Theoderich der Grosse, der erstmals den Kotelettenbart berühmt machte. Ohne Rücksicht auf die jeweils herrschende Mode liessen ältere Senatoren meistens ihren Bart scheren, sobald er anfing, grau zu werden.

Zur Zeit Karls des Grossen trugen die Vornehmen den Schnurrbart, Grannen genannt, das Volk den Vollbart. Vorwiegend bartlos zeigten sich die Männer in der Gotik. Daneben waren aber auch die unterschiedlichsten Bartformen zu beobachten, denn Männer mit eigenwilliger Persönlichkeit haben auch in Zeiten einer bartlosen Mode ihren Bart gepflegt. Sogar falsche Bärte gab es, wie einer 1351 in Spanien erschienenen Kleiderordnung zu entnehmen ist: "...dass niemand einen falschen Bart zu tragen oder zu verfertigen wagt."

Prächtige Bärte sieht man auf den Bildnissen der Renaissance (Seite 361/362). Zunächst trug man den gestutzten Vollbart; später wurde dem Zeitgeschmack entsprechend Kopfhaar und Bart waagrecht beschnitten (Seite 363). Gleichzeitig gab es Bartlose oder Konservative, die an der bartlosen Mode der Gotik festhielten. Als sich eine Diözese aufgrund alter Statuten ausserstande sah, einen neuernannten Bischof wegen seines langen Bartes anzuerkennen, schrieb der französische König Heinrich II. an das Domkapitel, den Bischof doch anzunehmen, weil er "beschlossen habe, ihn in kurzem an einen Ort ausserhalb des Königreiches zu senden, und zwar in Angelegenheiten, die uns sehr am Herzen liegen, und wo wir nicht wünschten, dass er ohne seinen Bart erschiene."

Heinrich IV. von Frankreich hat einer Bartform im ausgehenden 16. Jahrhundert den Namen gegeben. Der Henri-Quatre-Bart, eine Art gestutzter Ziegenbart mit kleinem Oberlippenbärtchen (Seite 364), war notwendiges Attribut des sich nach spanischer Mode kleidenden Mannes. Dazu benötigte er noch: kurze, mit Wolle, Pferdehaaren o. ä. Füllmaterial faltenlos ausgestopfte Pluderhosen, ein innen stark ausgepolstertes Wams (man ging von der Annahme aus, die persönlichen Verdienste würden durch einen dicken Bauch aufgewertet) und natürlich die spanische Halskrause, ein kurzes Mäntelchen, Handschuhe und Degen. Das einzige, was man wirklich sah, waren die seidenbestrumpften Beine.

Die spanische Tracht hielt sich bis etwa 1620. Dann beobachtet man eine völlig andere Geschmacksrichtung, die wieder im wesentlichen von der Männerwelt demonstriert wird. Es entstand die seltsame, aus deutschen, französischen, spanischen und niederländischen Elementen zusammengesetzte Figur des A-la-mode-Sutzers. Er trug u. a. soldatische Stiefel, aber mit superweiten Schäften (Knobelbecher), eine ärmellose Weste aus verziertem Leder, langes gelocktes Haar, einen breitkrempigen Schlapphut und einen sehr sorgsam gestutzten Bart. Dieses "Chevallierbärtchen" (Seite 365) bestand aus zwei schmalen, meist nach oben gerichteten Schnurrbartstreifen und einer kleinen "Fliege" am Kinn. Michael Moscherosch (1601-1669), der bedeutende elsässische Sittenschilderer, setzte sich sehr eingehend mit dieser Modeerscheinung auseinander. In seinem Werk Philander von Sittewald muss sich Philander, die tragende Figur der Handlung, vor einem "aus deutschen Helden des Altertums" gebildeten Gerichtshof wegen seines A-la-mode-Wesens verteidigen und wird schliesslich verurteilt, "sich den Bart auf Deutsch wachsen zu lassen, ... sich ehrbar und untadelig zu tragen, ... die Muttersprache rein und unverfälscht zureden und sich mit keinen fremden Wörtern zu beschmutzen und zu verunehren ..."

"Die langen herunterhängenden Haare" heisst es weiter, "sind rechte Diebeshaare und von den Welschen, welche um irgendeiner Missetat willen ein Ohr abgeschnitten ist, erdacht worden, um es so mit Haaren zu bedecken, auf dass man es nicht merken solle! ... Ihr wollt alle Monat, alle Wochen eure Bärte berupfen und bescheren, ja alle Tage und Morgen mit Eisen und Feuer peinigen, foltern und martern, ziehen und zerren lassen: jetzt ein Zickelbart, jetzt ein Schneckenbart, ein Jungfrauenbärtchen, ein Tellerbärtchen, ein Spitzbärtchen, ein Entenwedeln, ein Schmalbart, ein Zuckerbart, ein Türkenbart, ein spanischer Bart, ein italienischer Bart, ein Sonntagsbart, ein Osterbart, ein Lillbärtchenein Spillbärtchen, ein Drillbärtchen, eine Schmutzbärtchen, ein Stutzbärtchen, ein Trutzbärtchen, indem ihr euch der rechten Bärte und Knebel schämt, werdet ihr noch gar zu Bengeln. O ihr Weibermäuler, ihr Unhaarige! In den Löffeljahren rupft und zupft ihr, bis die Gauchhaare herauswollen, und wenn ihr durch die Gunst der Natur diese endlich erlangt habt, so wisst ihr ihnen nicht genug Marter anzutun, bis ihr sie wieder vertreibt, ihr Bartstümmler, ihr Barträuber, ihr Bartschinder, ihr Bartstutzer, ihr Bartzwacker, Bartholterer, Bartwipper, Bartpeiniger, Bartabtreiber, falsche Bartmünzer, ihr Bartnarren, ihr Bartmörder!"

Moscherosch steht mit seiner Meinung nicht allein. Eine Spottschrift, 1648 erschienen, ergänzt: "der Bart wird so artig aufgesetzt, dass kein einzigs Härlein niederhängen bleibt, welches keiner anderen Ursache halber vermeine zu geschehen, als dass dieser Wurm (Spootname für den Kavalier à-la-mode) vielleicht die Ehre haben würde, seiner Liebsten ein Küsschen zu geben, die Süssigkeit ihre korallenroten Mundes auf seinen Lefzen desto besser herunterfliesst und nicht im Barte hängen bleiben möge."

Was Spott und Hohn nicht erreichte, erreichte schliesslich die Mode. Ein Bart passte nicht mehr zu dem femininen Erscheinungsbild der Barockherren mit ihren von Spitzen und Bändern besetzten stoffreichen Kleidung und den rockartigen "Hosen", die um die Mitte des 17. Jahrhunderts die Rheingrafenmode dem Mann von Welt vorschrieb. Nur einzelne Individualisten konnten sich nicht von ihrem Bärtchen trennen, auch nicht, als die grosse, meist goldblonde Allongeperücke und das spitzenreiche, gefältelte Beffchen kaum noch Platz dafür liessen (Seite 366). Das Rokoko zeigte sich schliesslich ganz bartlos. Man trug Puderfrisur und Zopf. In den Wirren der Französischen Revolution fiel mit den Köpfen auch er.

Von England ausgehend, kam in Mitteleuropa der Bart langsam wieder zu Ehren. In den Randstaaten und ausserhalb Europas hatte man nie aufgehört, dieses wichtige Attribut der Männlichkeit zu pflegen (Seite 367). Am Beginn des 19. Jahrhunderts trug der Mann zum glatt rasierten Gesicht kurzgeschnittenes gelocktes Haar, eine Frisur, die sich an römischen Vorbildern orientierte. Junge Leute, die sich auch äusserlich von den Traditionalisten der Restauration abheben wollten, bevorzugten kurzes, in die Stirn gekämmtes Haar und den mehr oder weniger ausgeprägten Koteletten- oder Backenbart, wie er in England schon während der Revolutionsjahre getragen wurde. Man konnte ihn je nach Temperament und Haarwuchs recht unterschiedlich gestalten (Seite 368). Da gab es z. B. den Bindfadenbart, einen schmalen Bartstreifen zwischen Mund und Ohrläppchen, der mit einem Bindfaden ausgerichtet wurde. Diese Variante des Backenbartes konnte natürlich auch breiter ausfallen.

Wurde der Bart als schmaler Bartkranz um das ganze Kinn geführt, nannte man diese Zierde "Favoris". Beliebt waren seitlich breit abstehende Backenbärte. 1835 schrieb ein Modeberichterstatter aus Paris nach Deutschland, die jungen Leute sähen "armselig, gemein, abscheulich" aus: Man musste sich wieder an die ungewohnte Erscheinung eines Bartträgers gewöhnen. Nur das Militär, und in Frankreich nur der Kavallerist, durfte einen Schnurrbart tragen. Ein Zivilist mit Bart war "unmöglich", und es gehörte, wie Max von Boehn schreibt, "Mut, Kaltblütigkeit und Menschenverachtung" dazu, sich mit diesem männlichen Vorzeichen auf der Strasse zu zeigen. Lange war es gefährlich, zumindest verdächtig, unrasiert zu bleiben. Die Schrecken der Revolution sassen noch zu tief. Auf Neuerungen, und wenn es sich nur um ein paar Stoppeln im Männergesicht handelte, reagierten die Politiker allergisch.

In Modena wurden allen bärtigen Reisenden, deren Pässe Unstimmigkeiten aufwiesen, der Bart kurzerhand abrasiert. In Neapel ergriff man einen Franzosen und schleppte ihn von der Strasse weg in die Barbierstube, wo er auf staatliche Anordnung hin seinen Bart geschoren bekam. Jungen Leuten im Königreich Sizilien konnte es passieren, dass sie wegen des "Verbrechens eines revolutionären Hutes und Bartes" verhaftet wurden, um dann ihr Vergehen in der Verbannung oder im Kastell abzubüssen.

Der Bart als äusserliches Zeichen freiheitlicher Gesinnung wucherte aber immer wilder, je wilder, desto freiheitlicher die Überzeugung. Mit Missbilligung sah es die ältere Generation. Der französische Aussenminister Talleyrand weigerte sich, einen Grafen bei Hof vorzustellen, weil dieser nicht gewillt war, seinen sehr dezenten Kotelettenbart vorher abnehmen zu lassen. Kurz bevor der Bürgerkönig Louis Philippe seine Regierung antrat, boten ihm zwei einflussreiche Minister ihre Unterstützung an, stellten aber zur Bedingung, dass er sich von seinem Schnurrbart trennen müsse. Konservative Politiker fürchteten um die altpreussische Herrlichkeit, als sie Minister mit Bart im Kabinett erblickten. Ein glattrasiertes Gesicht war das Kennzeichen von Anständigkeit, Wohlerzogenheit und vaterländische Gesinnung. 1846 war es preussischen Beamten generell verboten, unrasiert ihren Dienst anzutreten.

Am Backenbart fanden in Wien schon vor der Märzrevolution die Angehörigen der besseren Kreise Gefallen. Man nannte ihn "Greislerbart"; einige Jahre später wurde daraus der "Biedermeierbart". Ein Greisler war in Wien ein Grünzeug- oder Gemischtwarenhändler. Im übertragenen Sinn meinte man damit jedoch einen Menschen mit beschränktem Horizont. Es ist heute nicht mehr nachzuweisen, ob die Greisler in Wien zuerst diese Bartform als oppositionelles Zeichen wählten oder ob die ältere Generation die jungen barttragenden "Grünschnäbel" damit verspotten wollte.

Eine auffallende Erscheinung im modisch sehr bewegten 19. Jahrhundert war der Dandy, der die männliche Erscheinung der nachfolgenden 100 Jahre geprägt hat. Die Blütezeit des englischen Dandytums fiel in die beiden ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts. Der Dandy war eine Mischung von Höflichkeit, Arroganz, Ironie, Menschenverachtung, Eleganz und Geschmack. Sein Denken und Tun war von der Idee geleitet, die gesamte äussere Erscheinung, Kleidung, Gesten, Sprache, einschliesslich der Umgebung zu einer vollkommenen Einheit zusammenzuschmelzen. Der König der Dandys war der legendäre Bryan Brummell (1778-1840). Sein oberstes Prinzip war äusserste Schlichtheit. Er mied Farben, modische Spielereien, Schmuck, lautes Reden. Seinen Zylinder liess er aus matter Seide anfertigen. Schlaflose Nächte kostete ihn der Entwurf passender Westen zur immer selbst entworfenen Kleidung. Er beschäftigte zwei nur für ihn arbeitende Handschuhmeister, wovon einer ein Spezialist für den Handschuhdaumen war. Auf ihn geht angeblich der eingerollte Regenschirm zurück.

Natürlich trug "Beau Brummell" einen sehr dezenten Kotelettenbart. Der Dandyismus war eine Lebensphilosophie. Den jungen Balzac fesselte dieser Lebensstil. Mit achtundzwanzig Jahren schrieb er unter dem Pseudonym "Baron de l'Empesé" zwei Abhandlungen: Die Kunst seine Schulden zu bezahlen und Die Kunst seine Krawatte zu binden. Dem Leser wird hier u. a. der Unterschied zwischen klassischen und romantischen Krawatten gezeigt und erklärt, dass zu einer Krawatte à la Bergami ein Backenbart gehöre.

Zu keiner anderen Zeit war das Erscheinungsbild des Mannes so Gesprächsstoff wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Und es hat noch nie vorher in so kurzer Zeit eine so grundlegende Veränderung erfahren - vom gepuderten, geschminkten und bezopften Kavalier am Ende des 18. Jahrhunderts zum unauffälligen Äussern des Mannes in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Der Sieg der Demokraten war schliesslich auch der Sieg des Bartes. Ab 1848 konnte man ihn unbehelligt sehen lassen. Die ältere Generation wagte sich zuerst nur sehr zögernd an den Backenbart. Der modische Herr pflegte ihn mit duftender Pomade. Sehr schnell sprossen dann aber in ganz Europa üppige Bärte in den phantasievollsten Formen (Seite 369). Oft gaben ihnen die führenden Herrscher wie auch in der Vergangenheit den Namen. Ausdruck gesteigerten Selbstbewusstseins war vorrangig der Vollbart. Dadurch, dass die Halskonturen verschwinden, erscheinen Kopf und Leib als eine wuchtige Masse. Das Mienenspiel verschwindet hintere dem Haarwald. Der Vollbartbesitzer drückt durch sein Erscheinungsbild Würde und weise Gelassenheit aus. Der Psychologe lässt sich allerdings nicht täuschen, denn Spielen am Bart, Schnurrbartzwirbeln, Haarekauen werden als Übersprungshandlungen diagnostiziert - das Barthaar als Schnullerersatz.

Der Mann, seit dem 19. Jahrhundert in ein schmuckloses Gewand gesteckt, widmete seine ganze Phantasie der Gestaltung seines Bartes. Und welch hervorragendes Gestaltungsmittel war ihm da in die Hand, in das Gesicht gegeben worden, um sich von seinen Geschlechtsgenossen abheben zu können! Sehr beliebt war der Vollbart mit ausrasierter Mundpartie. Bei einer anderen Bartform wurde das ganze Kinn bis auf einen Kranzbart unter dem Kinn ausrasiert. Wer den Senatorenbart trug, zeigte sich mit ausrasiertem Kinn und ausrasierter Oberlippe. Der relativ lange gepflegte Backenbart hatte dann abstehende Enden. Einmal wurde ein spitz zulaufender Vollbart gewählt, ein andermal wurde die Bartspitze geteilt und ein zweispitziges Gebilde bevorzugt.

Eine weitere Variante war der in Österreich sehr beliebte Kaiser-Franz-Josef-Bart, bei der zu o. g. zweispitzigen Form ein grosser Schnauzbart gehörte. Auch Jacques Offenbach liebte es, sich so zu zeigen. Napoleon III. gab einer Bartform den Namen, der aus einem sehr schmalen Kinnbart und spitz auslaufenden Schnurrbartenden gebildet wurde (Seite 370). Zum schmal und zierlich geformten Schnurrbart wurde auch - und wer konnte es übersehen - ein winzig kleines, spitzes Bärtchen unter der Unterlippe geformt. Andere wieder rasierten ihre Wangen sehr sorgfältig und pflegten einen wohlbeschnittenen Haarwald um die Mundpartie (Seite 371). Der Hoffriseur Kaiser Wilhelms II. kreierte eine Bartform, bei der die Schnurrbartenden fast im rechten Winkel zur Mundpartie in die Höhe ragten. Vaterländisch gesinnte Preussen erreichten diese "Es-ist-erreicht"-Schnurrbartform, indem sie über Nacht eine Schnurrbartbinde anlegten. Wie die angriffbereiten Hörner eines Stiers stachen nach der Nacht die Bartspitzen in den Morgen. Als musikalische Untermalung passte dazu Säbelrasseln. Sie wirken schon sehr überzeugend, die "Hurra" schmetternden kampfbereiten Soldaten der Jahrhundertwende.

Überhaupt war der Bart zu allen Zeiten eine bevorzugte militärische Dekoration. Zum Bart liess der Soldat nach Möglichkeit auch das Haar lang wachsen, da Haar generell als Träger männlicher Kraft empfunden wurde. Das ging gut, bis die Feuerwaffen erfunden wurden. Beim Gebrauch der alten Luntengewehre war lang herabhängendes Haar stark gefärdet und fing allzuleicht Feuer, wenn der Hintermann zu nahe mit Pulverteller und brennender Lunte hantierte. Nicht minder leicht konnte ein Vollbart Feuer fangen. Er musste darum zum Schnurrbart und evtl. einem kleinen Kinnbart zurückgestutzt werden. Ungarische Militärs kamen auf die Idee, wegen möglicher Brandgefahr die Köpfe der Soldaten kahl scheren zu lassen (was der sehr verbreiteten Läuseplage auch ein Ende setzte). Nur an den Schläfen durften lange Haarsträhnen stehen bleiben, die vor dem Anzünden der Lunten hinter dem Kopf zusammengebunden wurden. Einige Regimenter kamen auf die Idee, die Haarsträhnen zu Zöpfen zu flechten, wie auch lange Barthaare mitunter zu Zöpfen geflochten wurden.

In vielen europäischen Heeren herrschte bis zum Ersten Weltkrieg Schnurrbartzwang. Es kam jedoch nicht selten vor, dass junge Rekruten dienten, die noch keinen Bart aufweisen konnten. Was tun? Das Problem wurde von einfallsreichen Wachtmeistern genial gelöst. Man malte den "Milchgesichtern" martialische Schnurrbärte auf. Bei der Truppenvisite konnten die Offiziere dann eine vorschriftsmässig dekorierte Mannschaft demonstrieren. Ein österreichisches Dragonerregiment machte eine Ausnahme hinsichtlich des Bartzwanges. Die Geschichte weiss zu berichten, dass der entscheidende Sieg bei einer Schlacht von sehr jungen Soldaten errungen wurde, von denen die wenigsten schon einen Bart hatten. Die "Ehrung", die ihnen für ihre Verdienste zuteil wurde, bestand in der Order, dass das Batallion auch in Zukunft in Erinnerung an den Sieg bartlos zu erscheinen habe.

Bei der englischen Marine war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Kranzbart Vorschrift. Es werden die unterschiedlichsten Gründe für diese Regelung angeführt. So soll ein Vollbart die Stimme zu sehr dämpfen, so dass Befehle falsch oder nicht verstanden würden. Zwischen den Mannschaften käme es zu Kommunikationsschwierigkeiten bei Sturm und tosender See. Auch sei der Seemann Frost und Regen ausgesetzt und habe oft nicht die Möglichkeit, die vom Atem herrührende Eisbildung aus dem Bart zu entfernen. Eine Erklärung für die Vorschrift des Kranzbartes ist auch darin zu sehen, dass die Matrosen sehr lange auf Fahrt waren und sich nicht so oft rasieren konnten und wollten. Die Uniform war wesentlich länger zu tragen, wenn keine aufscheuernden Bartstoppeln erlaubt waren.

Oder sollte der Grund darin zu suchen sein, dass beim Essen aus der gemeinsamen Schüssel Erbsen und Bohnen besser gelöffelt werden konnten und das Sauerkraut nicht in den Bärten hängen blieb?

Die Bartverordnung wurde nach der Jahrhundertwende aufgehoben. An der ganzen Nordseeküste blieb aber der Kranzbart die bevorzugte Bartform bei den Fischern und Seeleuten. Er wurde auch von den Zimmerleuten getragen und nannte sich dann "Timmermannsbart", "Timmermannsfrees" oder "Timmermannsbort". Die Maurer trugen den Kranzbart als sehr schmalen Haarkranz um Kinn und Wangen, den "Maurerfrees". Interessanterweise war die Bartform, bei der die Mundpartie frei blieb, auch im Schwarzwald weit verbreitet. Vermutlich haben die Händler mit Schwarzwalduhren diese Mode von England mit nach Hause gebracht.

In den Städten der westlichen Welt zeigte sich der Bürger am Ende des Jahrhunderts im Strassenanzug nach englischem Vorbild. Seine unverkennbaren Attribute: unauffällig, gediegen. Es war die Uniform des erfolgreichen und aufstrebenden Geschäftsmanns, die sich, wie ein Zeitgenosse treffend sagte, "wie ein schmuckloser Rahmen um ein gutes Bild" legte. Die Grundgarderobe bestand aus Frack, Smoking, Sakko und Gehrock, dem Rock, den die Engländer wählten, wenn sie zum Dinner gingen; darum auch oft Bratenrock (roastmeetclothes) geheissen.

Frei von Kleidersorgen war der Mann damit allerdings nicht, denn Etikette und "Vatermörder" engten ihn unbarmherzig ein. Man verzieh eher das Geschniegelte als ein "Sich-gehen-lassen". Der steife hohe Kragen, eben der "Vatermörder", und die gestärkte vorgeknöpfte Hemdbrustzwangen förmlich in die vorgeschriebene Haltung. Dazu legten die Grundregeln der Gesellschaft bis in alle Einzelheiten fest, was man zu jeder möglichen Gelegenheit zu tragen hatte. Und es ist erstaunlich, wie diese Grundgarderobe mit den dazugehörigen Accessoires wie Weste, Handschuhe, Schirm, Gamaschen usw. für die verschiedensten Anlässe variiert werden konnte. Frei war der Mann eigentlich nur in der Wahl seiner Krawatten und in der Form, die seinen Bart betraf, denn dieser wird in den "Kleiderordnungen der Jahrhundertwende" nicht erwähnt. Seine ungenutzte Phantasie galt darum vorrangig diesen beiden Dingen.

Robert Montesquiou-Fézensac, der Salonliterat der "Belle Epoque", besass mehrere hundert Krawatten, keine Museumsstücke, sondern Gebrauchsgegenstände, die, aufgereiht und in Glasvitrinen vor Staub geschützt, ihrer möglichen Wahl harrten. Henrik Ibsen sah in jeden Spiegel, um Haartolle und Schnauzer zu kontrollieren. Von Bernard Shaw wird berichtet, dass er seine Kleidung passend zu seinem rotblonden Bart wählte. Berühmt wurde sein terrakottener Anzug, wie er überhaupt die gedämpften Farbnuancen der Rot-Gelb-Töne bevorzugte. Damit die harmonische Wirkung seiner Erscheinung nicht gestört würde, wählte er auch Schuhe und Hut in der Bartfarbe. Zeitgenossen meinten spöttisch, er sähe wie ein wandelndes Aquarellgemälde aus.

Nach der Jahrhundertwende trug man noch vereinzelt die Bartform von Napoleon III. oder Eduard VII. Man liebte aber auch den in englischer Bürstenform gestalteten Schnauzbart sowie den weichen, elegant geschwungenen Schnurrbart nach französischem Vorbild. Der Mann von Welt pflegte ihn mit Pomade, und es wird dem Jüngling in Ratschlägen für die Körperpflege geraten, kein schwarzes oder braunes Bartwachs zu kaufen, da es die Kleidung beschmutze.

Ein glatt rasiertes Gesicht - in Amerika schon vor dem Ersten Weltkrieg in Mode - empfand die Mehrzahl noch als unmännlich, höchstens Geistlichen und Schauspielern angemessen. Aber schon wenige Jahre später sollte sich das Bild ändern. Auf den alten Familienfotos scheint es, als ob die mittlere Generation eine Verjüngungskur durchgeführt habe, denn die gleichen Männer, die vor dem Krieg noch den schneidigen Kaiser-Wilhelm-Bart oder den Würde ausstrahlenden Vollbart trugen, findet man zehn Jahre später als bartlose "Tangojünglinge" - wenn auch einige reichlich betagt, denn die Devise der zwanziger Jahre heisst "Jugend". Da ein Bart in der Regel alt macht, verschwindet er - bis auf den kleinen englischen Bürstenbart, der sich hartnäckig bis über den zweiten Weltkrieg hinaus hält. Nur der ältere Bürger pflegt weiter seinen Vollbart, von dem er sich nicht trennen kann.

Die in den Kriegsjahren geborene Generation wird weitgehend bartlos bleiben, denn die nächsten fünfzig Jahre ist das Bild eines bärtigen Mannes nicht mit dem allgemeinen Zeitgeschmack vereinbar. Die Macht der Gewohnheit lässt diese Männer auch später, als der Bart wieder zum alltäglichen Bild gehört, täglich zum Rasierapparat greifen. Obwohl viele mit der männlichen Zierde liebäugeln, bleibt es bei der Mehrzahl Wunschdenken. Zu den Ausnahmen gehören einige Künstlere. Manche Zeitgenossen kennen Salvador Dalís Bart besser als seine Werke. Angeblich ist Dattelsaft der Haarfestiger seines Schnurrbartes.

Der nach Möglichkeit der nordischen Rasse zugehörige Mann der dreissiger Jahre war natürlich glatt rasiert. Die tägliche Rasur war Zeichen für Disziplin, Sauberkeit, Geradheit, Härte. Wer sich nicht rasierte, war auch sonst nicht sauber.

Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg war der hochglanzrasierte Mann wieder "in". Der tüchtige Bundesbürger der Nachkriegsjahre, optimistisch, dynamisch, breite Schultern (Wattierungen), schmale Hüften, zurückgekämmtes Haar, war dabei, das Wirtschaftswunder zu vollbringen. Jugendlichkeit war das Ideal, von der Werbung pausenlos demonstriert. Wohl zeigten die Avantgardisten der Mode schon einige Jahre vorher wieder einen kleinen Bart. Ihre Vorbilder waren Schauspieler, wie z. B. Adolphe Menjou, der Hollywoodschauspieler und Prototyp des Filmliebhabers. Das Menjou-Bärtchen, ein kleiner, schmal ausgezogener Oberlippenbart, fand besonders in Frankreich zahlreiche Nachahmer. Nicht minder bewundert und kopiert wurde der kleine Bart von Charlie Chaplin.

Die Vorbilder für die Nachkriegsgeneration waren aber nicht die alten Schauspieler. Bewundert und nachgeahmt wurden die Könige von heute: Revolutionäre, Liedermacher, Künstlergruppen u. ä. Man trug den Bart wie Fidel Castro oder Che Guevara, einen das Gesicht umrahmenden Existenzialistenbart, den italienischen Balbo-Bart, der aus kurzem dichtem Kinnhaar belidet wurde, oder einen Schnurrbart, wie ihn schon die Beatles zeigten.

Die Mehrzahl der jungen Männer hat heute - 1983 - einen Bart. Er spriesst allenthalben auch der mittleren Generation, die, wenn auch unbewusst, mit einem Bart zeigen kann, dass sie nicht von gestern ist.

Wo sind die Beweggründe zu suchen, die den Bart heute so beliebt machen? Liegt ein Handeln nach der Devise "zurück zur Natur" vor? Bequemlichkeit kann als Ursache nicht herangezogen werden, denn die wenigsten Bärte kommen ohne Rasierapparat aus. Und jeden Morgen - wie die Gärtner in Versailles die Ligusterhecken - die angestrebte Form exakt Haar für Haar herauszuarbeiten, das kostet Mühe, Zeit und Liebe fürs Detail. Viel eher ist der Bart als vorzügliches Instrument sozialer Gruppenbildung zu sehen. Dadurch, dass fast schon alle Männer unter 50 Jahren einen Bart tragen, bekommt der Bart die Funktion von Uniform, und Uniformierung ist bekanntlich die extremste Form der Sozialisierung. Die Individualität der Bartträger ist damit aber keinesfalls ausgeschlossen. Jeder vermag seinen Bart zu pflegen. Schon die Natur hat durch unterschiedlichen Haaransatz im Gesicht und unterschiedliche Haardichte für Abwechslung gesorgt. Hinzu kommt die Haarfarbe, die Struktur des Barthaares, die Form von Kopf und Kinn als Gestaltungsvarianten. Damit sind dem Mann viele Möglichkeiten gegeben, sich von anderen Bartträgern abzuheben. Rivalenkämpfe mit Bartstoppeln gibt es nicht nur in Bayern, wo bekanntlich die prächtigsten Bärte prämiiert werden. Ein wohlgewachsener und wohlgestalteter Bart ist seiner Bewunderer sicher - und das sind, wie es heisst, immer die anderen Männer. Frauen urteilen nach anderen Kriterien.

Hier ist schliesslich der Bartanfänger zu gedenken, die der stille Ehrgeiz leitet, alle anderen in wenigen Wochen zu übertrumpfen. Und ebenso der "Möchtegern-Bartträger", die Mutter Natur bezüglich des Haarwuchses im Gesicht stiefmütterlich behandelt hat.

Die zunehmende Anzahl der Bartträger ist mit Sicherheit auch auf die Tatsache zurückzuführen, dass Frauen in männliche Positionen aufsteigen, dass sie sich angeschickt haben, eine männliche Bastion nach der anderen zu nehmen. Dass sie es verlernt haben, "ihm um den Bart zu gehen", um "dieses Zeichen der Vollmacht", das sie "Demut, Unterwerfung, Gehorsam lehrten" sollte.

Indessen - alle Emanzipationsbestrebungen müssen am Bart enden. Frauen haben keinen Bart, und wenn, - dann ist er Unnatur (s. o.).

Literatur

Boehn, Max von: Die Mode, Band 1-9. - 3. Aufl. - München : Brückmann, 1963

Forster, E.: Haar- und Barttrachten vom Altertum bis zur Gegenwart. - München : ..., 1924

König, René: Macht und Reiz der Mode. - ... : Econ, 1971

Kybalová, Ludmila: Das grosse Bilderlexikon der Mode. - Prag : Artia, 1966

Kiener, Franz: Kleidung, Mode, Mensch. - München ; Basel : Ernst Reinhardt Verlag, 1956

Mötefindt, H.: Studien über Geschichte und Verbreitung der Barttracht. - In: Anthropos 23 (1928)

Wendel, Friedrich: Die Mode in der Karikatur. - Dresden : Paul Aretz-Verlag, 1928

Die Autorin

Ingeborg Kappler ist Professorin für visuelle Kommunikation und Kunstpädagogik an der Fachhochschule Rheinland-Pfalz.