1797 Augustin Fangé Buch "Geschichte des männlichen Barts unter allen Völkern der Erde bis auf die neueste Zeit (Für Freunde der Sitten und Völkerkunde)"/Sechstes Kapitel

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I. Ueber den, dem Bart erzeugten Respekt
II. Bart der Philosophen
III. Respekt der Araber für ihren Bart
IV. Der Bart, von den Türken respektirt
V. Bärte, die man den heidnischen Gottheiten gab
VI. Bärte, die man den Göttern darbot

I. Ueber den Respekt, den man dem Bart erzeigt hat

Der Bart ward während vieler Jahrhunderte als der Typus oder das Kennzeichen der Weisheit angesehen; daher der Eindruck von Respekt, von Majestät und ausserordentlicher Klugheit, den lange Bärte in dem ganzen Greichischen und Römischen Alterthum machten, und den sie noch jetzt in dem geist fast alles dessen machen, was es auf der Erde von gebildeten Nationen gibt. Wer wollte es leugnen, dass uns unsere Vorfahren mit ihren Bärten weiser scheinen, als wir ohne Haar am Kinn? In der That, wenn wir in einer Gemähldegallerie auf und nieder gehen, und unsere Grossväter sehen, von denen ein grosser Theil starb, ehe er ein so hohes Alter erreicht hatte, als wir; können wir uns denn entbrechen, sie als eben so viele alte Patriarchen anzusehen, und uns selbst für junge duftende Mädchen zu halten? Ich sehe unsere Abrahame, unsere Isaake, unsere Jakobe, unsere Moses gern so, wie man sie uns auf alten Tapeten zeigt, oder wie wir sie auf alten Statuen sehen, mit einem Bart, der ihnen bis auf den Gürtel hängt und die Hälfte des ganzen Kunstwerks ausmacht.

Ich habe nicht die Absicht, die neue Sitte, sich den Bart abzunehmen, die fast in ganz Europa Eingang gefunden hat, verächtlich zu machen; und ich bin nicht anmassend genug, die grossen Bärte wieder aufleben lassen zu wollen. Aber könnte man nicht gleichwohl der Meynung seyn, dass ein kunstvoll zugestutzter und beschnittener Bart, wie man ihn in den letzten zwey Jahrhunderten trug, den Gesichtern eine Phisiognomie gab, an der es ihnen seitdem ganz gebrach? Dieses Resultat der Gesichtszüge ist in der That eine der auffallendsten Eigenschaften der männlichen Bildung; es ist die Bedingung, die dem männlichen Gesicht eine Physiognomie gibt, ihr einen Charakter ertheilt. Ein vortreflicher komischer Schauspieler muss durch seine Physiognomie die Rolle ankündigen, die er vorstellen will.

Wir wollen in diesem Kapitel untersuchen, wie weit man in dem Respekt und in der Ehrfurcht für den Bart gegangen ist, und wir werden zeigen, dass er in den wichtigsten Angelegenheiten der Religion und der bürgerlichen Gesellschaft bey der Vorwelt seine Rolle spielt; dass man des Glaubens gewesen ist, er diene zur Ehre der Gottheit, oder er mache sie den Menschen verehrungswürdiger. Der Bart ist lange Zeit ein Zeichen ausserordentlicher Weisheit gewesen. Er wurde bey Allianz-Traktaten ins Spiel gezogen, wurde oft verpfändet und diente als Geisel zur Versicherung seiner Treue in Absicht eingegangenere Verbindungen.

Man schwor bey dem Barte. Man strafte grosse Verbrechen, indem man Schuldigen den Bart abschneiden liess; es war ein Zeichen von Ehrlosigkeit, wenn man sich diese Zierde nehmen lassen musste. Man war überzeugt, dass nichts besser den lebhaften Schmerz, wovon man sich in Zeitpunkten von Trauer und grossem Unglück hingerissen fühlte, ausdrücken könne, als wenn man ohne Bart erschien. Alle diese Gewohnheiten machen den Gegenstand des gegenwärtigen und des folgenden Kapitels aus. Wir werden zuvörderst von dem ausserordentlichen Respect handeln, den einige Nationen für den Bart an ihren eignen Landsleuten bezeugt haben. Und so machen wir dann mit dem Bart der Philosophen den Anfang.

II. Bart der Philosophen

Man war im Alterthum überzeugt, dass ein langer Bart gewöhnlich das Zeichen der Weisheit wäre, und dass ein Mann, welcher auf Strenge in seinen Sitten Anspruch mache, sich nothwendig den Bart wachsen lassen müsste. Die Schrift sagt uns, dass der hohe Priester Aaron einen langen Bart trug. Sokrates, der weiseste Sterbliche seiner Zeit, wird auf Persisch der "bärtige Lehrer" oder der Lehrer "mit dem langen Bart" genannt.

Satyr:
Glaube, dass dies der bärtige Meister
Sagt.

Plinius der Jüngerespricht von Euphrates, einem Syrischen Philosophen, der sich durch die Länge und Weisse seines Barts empfahl. (Sieh das erste Buch seiner Briefe.) Strabo sagt, die Gymnosophisten, Indische Philosophen, hielten auf grösse Bärte. Dasselbe versichert Diodor von Sicilien.

Lucian zieht an verschiedenen Stellen auf die Philosophen seiner Zeit los, die sich durch die Länge ihres Barts einander zu übertreffen suchten; und er stellt uns einen Weisen, der nach einem Lehrstuhl in der Philosophie strebte, als unfähig, seine Stelle auszufüllen, vor, weil er einen zu kurzen Bart hatte. Aelian erzählt da, wo er von Zoïlus spricht, welcher Homer und Phaton Fehler aufstechen zu können sich vermass, und der sich für geschickter als alle seine Vorgänger hielt; Aelian, sage ich, erzählt da, dass dieser berühmte Kritiker einen Bart getragen habe, der ihm bis auf die Brust herab hing, dass er aber immer mit geschornem Kopfe gegangen sey. Er befürchtete ohne Zweifel, seine Kopfhaare möchten eben so viele Sprösslinge seyn, die, wenn er sie hätte wachsen lassen, die gesammten Säfte seines Barts an sich ziehen, und ihn so entblättern möchten.

Die Philosophen, welche sich durch Affektation langer Bärte am meisten auszeichneten, waren ohne Widerrede die Stoiker. Aus nichts machte diese Art Philosophen so viel, als aus einem langen Bart. Er machte oft ihre ganze Weisheit aus. Horaz zieht in der dritten Satyre des zweyten Buchs einen gewissen Licinus Damasippus, einen Narren und stoischen Philosophen mit sehr viel Salz durch. Dieser Dichtere wusste dem Philosophen, nachdem er dessen ernsthafte moralische Vorlesung angehört hatte, nichts bessers zu wünschen, als einen recht guten Barbier.

Dii te, Damasippe, Deaque
Verum ob consilium donent tonsore!

Horaz.

O mögen Götter und Göttinnen Damasipp,
für diesen guten Rath dich bald mit einem Barbier beschenken!

Derselbe Damasipp nennt in dieser Horazischen Satyre, ein wenig weiter unten, den Bart "den wahren Charakter der Weisheit; den weisen Bart."

Die Stoiker waren in der Folge in Rom so verachtet, weil sie, wenn sie auf öffentlichen Strassen kamen, gewöhnlich von einem Haufen Kinder verfolgt wurden, die ihnen tausenderley Schimpf anthaten, und ihnen, um ihre Geduld auf die Probe zu stellen, den langen Bart ausrauften.

Vellunt tibi Barbam
Lascivi pueri, quos tu, nisi fuste coërces,
Urgeris turba circum te stante

Muthwillige Gassenjungen rupfen Dir den Bart
aus, wenn Du sie nicht mit dem Prügel Dir
vom Leibe hälst, so wirst Du von dem Schwarm zerdrückt.

(Horaz Satyr. I, 3)

Dasselbe widerfuhr den cynischen Philosophen, wie Persius in seiner ersten Satyre bezeugt:

Multum gaudere paratus
Si cynico barbam petulans Nonaria vellat.

Da gibts zu lachen viel
wenn dem cynischen Weisen
eine muthwillige Buhlerinn
den Bart ausrupft.

Dies gab Gelegenheit zu dem Sprüchwort: "einem den Bart ausraufen": vellere alicui barbam; um eine sehr starke Verachtung jemandes auszudrücken.

Auch Apulejus hält sich über diejenigen auf, welche Philosophen zu seyn affektirten, weil sie grösse Bärte trugen; und er legt ihnen den Spottnamen Ziegenbärte bey:

hircino barbitio philosophum mentitus

Er, der mit seiner Bocksbärtigkeit
den Philosophen lügt

Eben so sagt der Dichter Ronsard:

Wenn ein grosser Bart am Kinn
den Philosophen macht:
so könnt' ein langbärtiger Bock
durch diess Verdienst ein Plato seyn.

Herodes-Attikus sagt bey Aulus Gellius Buch 9, Kap. 2 sehr witzig: "ich sehe Bart und Mantel wohl"; abere ich sehe den Philosophen nicht. Lactantius sagt da, wo er gegen diejenigen loszieht, welche sich einen Bart und Mantel zu tragen berühmten: Sie geben deutlich genug zu erkennen, dass ihre Philosophie nicht Weisheit ist; da dasa ganze Geheimniss derselben nur in Bart und Mantel besteht.

Der Kaiser Julian war einer von diesen Philosophen, welche aus ihrem langen Bart die grössten Vortheile zu ziehen vermeynten, und sich wegen dieser männlichen Zierde ein philosophisches Ansehen gaben. Dieser Regent trug seinen Bart sehr lang und zugespitzt, und glaubte sich dadurch die grösste Verehrung zu erwerben. Allein er erfuhr gerade das Gegentheil. Die Antiochener, in deren Mitte er sehr lang lebte, konnten diese Affektation nicht vertragen, machten ihn lächerlich, und verbreiteten beissende Epigramme auf seinen Bart. Julian, dem sein Bart eben so lieb, als er den Bewohnern Antiochiens zuwider war, verfertigte auf sie eine Satyre, der Bartfeind.

Julian, durch die Antiochener aufs äusserste getrieben, unternahm es in diesem Werk anstatt sich zu rächen oder ihnen als Regent zu verzeihen, sich an ihnen als Schriftsteller zu rächen. Er thut es, indem er seine üble Laune gegen sich selbst zu kehren scheint. Er übertreibt seine Fehler; indem er die guten Eigenschaften, die er haben mochte, von einer schielenden, verkehrten Seite vorstellt, setzt er sie den Lastern der Antiochenern entgegen, die er ironisch für Tugenden gibt. Dieses Werk zeichnet sich durch viel treffende Streiche, die sein Verfasser führt, durch sehr lebhaft ausgedrückte witzige Einfälle und caustisches Salz aus. *Es ist", wie Herr de la Betterie sagt, "das Lachen eines von Aerger erbitterten Mannes, der die Rolle des Philosophen spielt, und sich in derselben nicht bis ans Ende zu halten vermag."

Wir bemerken noch, ehe wir diesen Artikel beschliessen, dass die ersten Philosophen ihren Bart mehr aus Verachtung körperlichen Reitzes und aus Vernachlässigung, als aus Ziererey (Affectation) wachsen liessen. Allein was anfänglich bloss ein unwesentlicher Zierrath eines Philosophen war, und mit der Philosophie in gar keinem genauen Verhältnisse gedacht wurde, das ward in der Folge die Hauptsache der Philosophie. Was anfänglich nur ein zufälliges Zeichen ihrer Weisheit war, wurde in der Folge fast zur Weisheit selbst, die auf die Nachfolger der zeitigen Philosophen überging. Ein langer Bart ward nun ein wesentliches Stück des Wohlstands, zur Beobachtung der philosophischen Gravität. Auch war es einer ihrer Hauptgrundsätze, für die Erhaltung des Barts zu sorgen (barbam pascere). Diese kindische Affektation war es auch, welche die Philosophen in Verachtung brachte und ihnen die beissenden Satyrn, die man auf sie machte, zuzog.

Im Jesaias sagt der Herr, er wolle, um sein Volk durch eine Art neuer Einweihung zu reinigen, Schermesser oder Scheren leihen, um ihnen alles Haar, sowohl am Kopf als am Bart und am übrigen Körper wegzunehmen. (Jes. VII, 20) Im Ezechiel kommt ein ähnliches Emblem vor, das man verschiedentlich gedeutet hat. Der Herr räth seinem Propheten (wie dieser selbst versichert) sich Kopfhaar und Bart abscheren zu lassen; sie in drey gleiche Theile zu theilen; ein Drittheil mitten auf einem öffentlichen Platz in der Stadt zu verbrennen, so wie die Tage der Belagerung näher heranrücken würden; das zweyte Drittheil mit dem Degen an diesem öffentlichen Platze abzuhauen, und das dritte Drittheil, welches übrig bleiben würde, in den Wind zu streuen, und es mit gezogenem Degen zu verfolgen, jedoch so, dass er einen Theil dieses Drittheils aufbewahrte.

Durch dieses Bild liess der Herr andeuten, dass, so wie Haupthaar und Bart die Hauptzierde des Mannes seyen, und die Majestät und Schönheit seines Gesichts und seine verschiedenen Vollkommenheiten noch mehr zu enthüllen dienen, die Juden eben so bestimmt wären, den Ruhm des Herrn und seine verschiedenen Eigenschaften zu veroffenbaren, wie es die Patriarchen, die Propheten und die alten gerechten gethan hätten; aber anstatt die Ungläubigen zu erbauen, haben sie ihnen noch mehr Aergerniss gegeben; anstatt den Heiligen von Israel durch die Reinheit ihrer Sitten zu preisen, haben sie seiner Ehre Eintrag gethan; sie haben ihn endlich getwungen, sie ohne Schonung von sich zu werfen, die verdorbene Rasse von sich zu entfernen, die der Gegenstand seiner Schande und seines Schmerzes geworden war.

III. Respect der Araber für den Bart

Die Geschichte bezeugt, dass es ehemals verschiedene Völker gegeben hat, und dass es deren noch gibt, welche auf die geringste Beeinträchtigung ihres Barts so eifersüchtig sind, dass es scheint, als hätten sie ihn zum wichtigsten Ehrenpunkt gemacht. Die Spanier waren unter andern so kitzlich in diesem Punkte. Dom Queredo treibt in seiner dritten Erscheinung, das jüngste Gericht betreffend, das lächerliche dieses Ehrgefühls ziemlich weit, wenn er sagt, einer seiner Mitbürger sey, nachdem er sein Verdammungsurtheil erhalten gehabt habe, in die Gewalt zweyer bösen Geister gegeben worden; aber er habe nicht mit ihnen gehen und ihnen folgen wollen, bis sie ihm mit einem zu diesem Behuf bestimmten Eisen den Knebelbart wieder zurecht gebogen gehabt hätten, den sie ihm in Unordnung gebracht hatten. Allein nichts kommt in diesem Punkt der Reizbarkeit der Türken und Araber gleich.

Die Araber haben so viel Respekt für den Bart, dass sie ihn als eine geheiligte Zierde betrachten, welche ihnen Gott gegeben habe, um sie von den Weibern zu unterscheiden. Nie scheren sie sich. Sie lassen den Bart von ihrer Kindheit an wachsen, wenn sie als Kinder rechtlicher Eltern erzogen worden sind; und das Zeichen der grössten Entehrung, die sie sich zu denken vermöchten, wäre, wenn sie sich ihn abscheren liessen.

Wenn bey den Arabern ein Mann mit einem schönen Bart eine schlechte Handlung begeht, oder ein ungebührendes Wort sagt: so wird man immer sagen hören: "Wie Schade ist es um einen so schönen Bart"; oder: "Ist es möglich, dass er seinem Bart eine solche Schande anthun kann; welch' eine Schande! welche Beschämung für seinen Bart!" Und wenn sie das Recht haben, ihm Vorstellungen deswegen zu thun oder Vorwürfe deswegen zu machen, so sagen sie zu ihm in ernstem Ton; "schämt Euch in Eurem Bart; respectirt doch Euren Bart!" Bitten sie jemanden um etwas, so bitten sie ihm bey seinem Bart. (Man sehe, was wir weiter oben hierüber gesagt haben) Sie küssen sich den Bart wechselweis auf beyden Seiten, wenn sie sich auf den Strassen grüssen, wenn sie von der Reise kommen oder beyderseits eine Reise vorhaben. Gedenkt nur der eine Theil zu verreisen, so ist es Pflicht desjenigen, der zurück bleibt, den Bart seines Freundes zu küssen, der es mit gravitätischer Gebärde geschehen lässt, und auf eine Gelegenheit wartet, wo er seinem Freund dieselbe Ehre erzeigen kann. Die Küsse werden während ihrer Komplimente mehrmals wiederholt, und diese bestehen darin, dass man einander um sein Befinden fragt.

IV. Respekt der Türken für den Bart

Wenn man nur etwas mit den Sitten der Mahomedaner bekannt ist, muss man wissen, dass sie ein Schnupftuch ausbreiten, wenn sie ihren Bart kämmen; dass sie die herabfallenden Haare mit Sorgfalt aufhäufen, sie in Papier wickeln, sie auf den Kirchhof tragen und in die Erde vergeaben, wenn sie deren eine gewisse Menge gesammelt haben. Sie reissen sie vorher in zwey Stücke, wenn sie ausgerauft sind und die Wurzel noch in der Haut hängt. Man höre nur den Grund an, an den sie von dieser ängstlichen Observanz geben.

Sie glauben, dass es mehrere Legionen Engel gebe, die zur Bewachung eines jeden Haares am Bart beordert sind, und dass sie in demselben ihre Wohnung aufschlagen, wenn die Haare noch ganz sind. Um selbige da zu verabschieden, wo es ihnen gut dünkt, durchschneiden sie die Haare in der Mitte; auch thun sie diess, um sich den bösen Anschlägen übelgesinnter Menschen zu entziehen, die sie auf ihr Haar gründen könnten, wenn sie welche fänden, die noch ganz wären. Haare, welche die Barbiere abgeschnitten haben, um den Bart gleich zu machen, sammelt man nicht, weil sich die Engel an dasjenige Theil des Haars halten, welches an der Haut bevestigt ist, ohne dass sie daran dächten, sich in diesen Ueberfluss, diesen Ausschuss von Haare zu nisten.

Wenn jemand auf den Bart eines andern auspiee, oder beym Ausspeien auf die Erde sagte: das gilt deinem Bart; oder wer, wenn er einen Wind streichen liess, sagen wollte: ich lasse einen F.... auf deinen Bart, würde von der Justiz hart, als ein Gotteslästerer, als ein Entheiliger des Barts, als ein Verruchter, der die Engel verachtet, die dessen Beschützer und Wächter sind, gestraft werden.

Diess ist aber nicht mit dem Knebelbart der Fall. Er gilt, nach der Strenge des Gesetzes, für unrein. Man duldet ihn bey Militärpersonen, welche einen rasirten Bart haben, weil es mit zu vielen Unbequemlichkeiten verknüpft seyn würde, wenn man es ihnen zur Pflicht machen wollte, einen langen Bart zu tragen. Man behauptet sogar, diess gäbe ihnen ein kriegerisches Ansehn und mache sie dem Feinde furchtbarer. Er ist ihnen eben so nöthig, als den jungen Leuten, die noch keinen völligen Bart tragen, um sie für Männer zu erkennen.

So lange die jungen Leute ihre Bärte noch nicht produciren können, legen sie an ihren Knebelbart keine Hand; aber wenn ihnen der Bart bis zu einer gewissen Länge gewachsen ist, dann nehmen sie sich die Haare des Knebelbarts ab, der ihnen bis auf die Lippe hängt; aus Furcht, das Wasser oder die Speisen, die sie in den Mund nehmen, möchten dadurch der Unreinlichkeit Vorschub thun, indem sie die Haare des Knebelbarts berühren; denn Mahomed hat ihnen die Eröffnung gethan, es bedürfe nicht mehr, um das Gewissen seiner Bekenner zu verunreinigen.

Man sieht hieraus, welche Verschiedenheit die Türken in Absicht des Respects, den sie für die untern Haare des Barts hegen, und der geringen Achtung der Haare des Knebelbarts oder des obern Barts beobachten. Es ist bey ihnen ein Verbrechen, das man nicht verzeiht, wenn man den Respekt bey Seite setzt, den man ihrer Denkart nach für den Bart hegen muss; anstatt dass sie die Beschimpfungen, die man dem Knebelbart zufügt, für nichts achten.

Der Chevalier von Arvieux führt Beyspiele von der Strenge der Türken an, mit welcher sie gegen diejenigen verfahrern, welche den schuldigen Respect gegen den Bart verletzen. Eine Unachtsamkeit der Art hätte einem Französischen Koch, wie er sagt, das Leben kosten können, der in einer Strasse zu Saide ging, weit von sich ausspuckte, und unglücklicher Weise den Bart eines Bauers bewarf, der an der Erde schlief. Der Bauer erwachte, liess sich durch die Entschuldigungen des Kochs und einen Piaster, den er ihm in die Hand drückte, zufrieden stellen; aber die Türken in der Stadt, welche Zeugen von dieser gotteslästerlichen Handlung waren, nöthigten den Bauer, die Sache bey dem Gouverneur anhängig zu machen. Dieser Vorfall erregte grossen Lerm. Man sprach von nichts geringerem, als dass der Koch lebendig verbrannt oder gespiesst werden sollte. Er hatte die Vorsicht gehabt, zu entwischen; und da man seiner nicht habhaft werden und ihn nicht ausfindig machen konnte, traf man eine gelindere Verfügung und zahlte 500 Thaler an den Gouverneur.

Derselbe Herr von Arvieux erzählt, dass es der Französischen Nation noch mehr kostete, eine Angelegenheit auszugleichen, die von gar keiner Wichtigkeit zu seyn scheint.

Der Konsul ging auf einer Terrasse des Französischen Gouverneurs mit dessen Stellvertreter spatzieren, und unterhielt sich mit ihm über Angelegenheiten von Wichtigkeit. Herr Faure, einer der vorzüglichsten Negotiateurs der Nation befand sich auf der andern Seite auf derselben Terrasse, war aber von jenen beyden Herrn durch eine Kuppel, welche ihnen die Aussicht zu einander benahm, getrennt. Er schöpfte im Hemde und Unterziehhosen, wie man diess gewöhnlich in diesem Lande zu thun pflegt, frische Luft. Er liess unschuldiger Weise einige Winde streichen, welche von der andern Seite gehört wurden. Um das Maass des Unheils voll zu machen, musste es sich gerade treffen, dass sich der Vicegouverneuer in diesem Augenblick den Bart mit den Händen kämmte (denn das bringt die gewöhnliche Tagesordnung bey den Türken so mit sich). Er zog seine Hand so schnell zurück, als wenn er sie an das Feuer gehalten hätte; er erblasste und blieb so verstummt stehen, als wenn er einen Blitz zu seinen Füssen hätte einschlagen sehen. Er verliess den Konsul mit hochfahrender stolzer Miene und zog sich zurück, ohne dass er die Kraft gehabt hätte, ein Wort ausser der Apostrophe vorzubringen: "so werfen die Ungläubigen ihren Koth auf die gesegneten Bärte der Muselmänner!" Er erhob seine Klage bey dem Gouverneur, der ein schlechter Mensch, grausam und im höchsten Grade geitzig war; der ihm mit Verbannung der ganzen Nation und Einziehung ihrer Güter drohte. Man sah sich gezwungen, dass Ungewitter, da es noch in der Ferne stand, zu beschwören; und man zog sich vermittelst Bitten und Intriken durch zwey Tausend Piaster, die man an den Gouverneur zahlte, aus diesem schlimmen Handel.

In diesem Lande wäre es das Zeichen einer grössern Infamie, wenn man einer Mannsperson den Bart abschnitte, als wenn man jemanden bey uns die Peitsche gäb. Es gibt da Menschen, die einer solchen Entehrung den Tod vorziehen würden. "Ich habe einen gekannt," sagt der Herr von Arvieux, "welcher einen Stoss mit einer Flinte an den Kinnbacken erhalten hatte, und der sich lieber dem Tode preis gegeben sah, als dass er es hätte dulden sollen, dass ihm ein Chirurg, um ihn zu verbinden zu können, den Bart abgeschnitten hätte. Die Muftis, Iman's und die respektabelsten Dervische mussten zu ihm gehen und ihn versichern, in einem solchen Fall würde sich der Prophet selbst den Bart mit den nöthigsten Vorsichtsmaassregeln haben abschneiden lassen, um die Bart-Engel ohne Aergerniss aus ihrer bisherigen Wohnung zu bringen. Ungeachtet dieser Versicherungen bedurfte es so viel Zeit, eh er sich aus Furcht, die man ihm beygebracht hatte, dass die Würmer im schadhaften Theil wimmelten, dass der Brand dazu schlagen würde, bis er sich entschloss, diese traurige Operation endlich mit sich vornehmen zu lassen. Er ward geheilt; aber er wagte nicht mehr, sich öffentlich zu zeigen; und sogar in seinem Hause hatte er das Kinn immer in einen schwarzen Schleyer eingehüllt, bis sein Bart wieder in den Zustand versetzt war, in welchem er sich vor diesem traurigen Vorfall befand.

Wir haben schon von dem Knebelbart der Muselmänner gesprochen, und wir haben bemerkt, dass sie bey weitem nicht den Respekt für ihn hegen, den sie vor ihrem untern Bart haben. Die Greise, die Imanen, die Muftis, und Leute, die eine mehr öffentliche Profession von regelmässiger Lebensart machen, schneiden sich den Knebelbart ab, (nämlich das Haar, das zwischen der Nase und dem Munde hervor wächst) sie thun diess mit der Spitze der Schere und so nah als möglich an der Haut; und diejenigen, welche andere an Regelmässigkeit in der Lebensart noch übertreffen wollen, nehmen das Schermesser dazu, ob diess gleich eine Art Ungestaltheit für das Gesicht zur Folge hat; allein sie glauben dadurch ihrem Propheten nur um so ähnlicher zu werden. Man höre hier den Grund, der ihn dazu vermochte, sich auf diese Art zu entstellen.

Jedermann, der von den Sitten der Türken unterrichtet ist, weiss, dass sie die Gewohnheit haben, Wasser mit sich zu nehmen, wenn sie an ihr Zimmer, wo sie sich aus und ankleiden, kommen; und dass sie sich mit den Fingern waschen. Es ist in den Vorhöfen der Moscheen für Bequemlichkeiten gesorgt, und es gibt daselbst bestimmte Orte, wo sich die Muselmänner dringender Naturbedürfnisse entledigen können; und wenn sie sich gut gewaschen haben, gehen sie in die Moschee, um ihr Gebet zu verrichten. Mahomed wollte sein Gebet verrichten, ging aber an den Ort, wo man sich erleichtern kann, und wusch sich rein; denn ob er gleich Gesetzgeber war, so hatte er doch ein zu zartes Gewissen, um sich von dem Gesetz auszunehmen. Zum Unglück machte es ihm ein kleines Jucken nöthig, seine Hand ans Gesicht zu bringen, und seinen Knebelbart zu berühren. Einen Augenblick darauf empfand er den üblen Geruch, den seine Finger daran zurück gelassen hatten. Was war zu thun! Er war sehr in Verlegenheit. Er wusch sich mit kaltem Wasser, welches nichts half. Er nahm laues Wasser und es schien ihm nicht besser gewirkt zu haben. Er goss warmes und fast siedendes dazu, welches auch fruchtlos war. Er war untröstlich; denn die Zeit des Gebets hiess ihn eilen. Einer von den Schutzengeln seines Barts gab ihm den Gedanken ein, das Schermesser darüber hinzuziehen. Er that es auf der Stelle mit so viel Ergebenheit und so wenig Geschicklichkeit, dass er sich die Haut ganz wegschor; hierauf war der üble Geruch zerstreut, er wusch sich ziemlich stark und verrichtete sein Gebet. Hierauf fuhr er mit seiner Hand über den langen Bart, der ihm noch übrig war, um ihm etwas von der Gnade mitzutheilen, die ihm so eben wiederfahren war, und für deren Erzeuger er seine Bart-Engel hielt. - Nach seinem Beyspiel scheren sich also die Muselmänner den Knebelbart. Es war nicht nöthig diese Operation wieder vorzunehmen; denn er hatte alle Wurzeln seines Knebelbarts so gut ausgerissen, dass ihm an dieser Stelle nie wieder ein Haar wuchs. Dieser Zufall machte es ihm nothwendig, die Knebelbärte für unrein und verächtlich zu erklären; und diess ist so wahr, dass man alle Arten Koth auf die Knebelbärte der Muselmänner werfen könnte, ohne die Strenge der Justiz zu befürchten zu haben, wenn man es nur zu verhüten wüsste, dass nichts davon auf den eigentlichen Bart fiel. (Memoir.<7i> des Herrn v. Arvieux)

V. Bärte, die man den heidnischen Gottheiten gab

Es war sehr gewöhnlich bey den Alten, ihre Götter mit Bärten darzustellen, um ihnen durch diesen Zierrath ein ehrwürdigeres Ansehn zu geben. Diese Gewohnheit gründete sich auf den respekt, den, wie wir gesehen haben, fast alle Nationen für den Bart haben. Wir haben von der Sorgfalt gesprochen, die verschiedene Völker Griechenlands anwendeten, um ihren Bart zu erhalten. Titus Livius spricht von dem Bart der Römischen Senatoren, da die Gallier in Rom eindrangen, als von einer Zierde, welche diesen Barbaren die grösste Ehrfurcht für diese achtungswürdigen Greise einflösste. Ich rede nicht von der Ehrfurcht, den die Philosophen für ihren Bart hegten.

Apollon wurde nach dem Bericht des Fulgentius, eines alten Mythologen zu Hierapolis in Phrygien unter der Gestalt eines Menschen mit einem langen Bart angebetet. Lucian sagt in seiner Abhandlung <i>über die syrische Gottheit, dieser Gott werde von den Syriern auch unter diesem Bild angebetet; man stelle ihn gewöhnlich unter der Gestalt eines jungen Menschen vor, dem der Bart zu keimen anfange. "Denn die Uebrigen alle halten Apollo für einen Jüngling, und bilden ihn mit dem ersten sprossenden Barthaar ab; aber diese allein (die Syrer) haben sich ein Bild von einem bärtigen Apollo gemacht."

Es ist gar nicht befremdend, dass man Jupiter einen grossen Bart gegeben hat. Der erste Rang, den er unter den heidnischen Gottheiten einnimmt, scheint zu fordern, dass er dieses ehrfurchterweckende Attribut trägt. Lucian lässt ihn in Philosophentracht auftreten, wo er zugleich einen grossen Bart trägt. Die Heiden schwuren anfänglich, als er noch keinen Bart trug (love nondum barbato) nur bey Jupiters Augen und Kopf; denn sobald er Haare am Kinn erhielt, wurde sein göttlicher Bart in ihren feyerlichsten Schwüren erwähnt.


Da Jupiter noch bartlos war,
die Griechen noch bey keines Andern Kopf
zu schwören sich getrauten.
(Juv. Satyr. 15)

Man hat oben gesehen, dass Aesculap mit einem Bart abgebildet war, dass man ihm zu Epidaurien einen von Gold gegeben hatte, denn ihm Dionysius der Tyrann unter dem Vorwand nahm, es schicke sich nicht, dass der Sohn einen Bart trage, wenn der Vater keinen hätte.

Obgleich Bacchus gewöhnlich unter der Gestalt eines schönen Jünglings ohne Bart vorgestellt wird, so haben doch er und Apollo bisweilen für bärtig gegolten, und sie sind so durch Schriftsteller und alte Kunstwerke abgebildet. Spanheim bringt in seinen Bemerkungen über die Cäsarn des Kaiser Julian zwey Medaillen des Bacchus bey, worauf er eben so jugendlich, als bärtig erscheint. Die eine stellt ihn ohne Bart mit seiner theuern Ariadne dar, und jede Figur hält einen Thyrsusstab in der Hand; sie finden sich auf der Rückseite einer Medaille der jungen Faustina, welche zu Nicea in Bithynien verfertigt worden ist; die andere zeigt ihn mit einem langen Bart, und ist auf der Insel Naxos verfertigt worden. Den Bart hat er offenbar deswegen, um dadurch zu bezeichnen, dass dieser, sonst so wenig ernsthafte Gott doch für einen Philosophen gehalten seyn wollte; eine Eigenschaft, die ihm in der That mehrere Alten, und mit ihr den Charakter des klugen, geschickten oder weisen Rath- und Gesetzgebers gegeben haben. Diodor von Sicilien bezeugt, Bacchus habe von dem Gott des Stillschweigens, seinem Lehrer, gute Einschläge und Lehren erhalten. Hierzu kann man noch rechnen, dass Bacchus bisweilen die Musen in seinem Gefolge gehabt hat, daher er den Beynamen Musaget, so gut als Apollon erhielt.

Der bärtige Bacchus kündigt sich gewöhnlich als den Indischen an. Montfaucon hat uns in seinem erklärten Alterthum mehrere Figuren von dem bärtigen Bacchus mitgetheilt. Der erste ist mit Laub bekrönt, hat an Statt des Thyrsusstabes eine Pike in der linken Hand, und in der rechten ein kleines Gefäss mit Wein, den er in den Rachen des Panthers auszugiessen scheint. Ein anderer bärtiger Bacchus ist, was nicht gewöhnlich ist, mit einem Rock und einem Mantel bekleidet, der ihm bis auf die Knöchel geht. Auch erscheint er auf einer thebanischen Medaille mit einem Bart; denn Thebä war das Vaterland dieses Gotts so wie des Herkules. Man kann bey Montfaucon noch andere bärtige Köpfe mit Blumen-Büscheln und andern Bacchischen Attributen sehen, die alle sehr lange Bärte haben; eben so auf einigen Medaillen, wo sich Symbole des Bacchus finden. Man hat auch noch Denkmünzen in grosser Menge, wo zwey sich von hinten berührende Köpfe, der einen einen Bacchus ohne, der andere einen mit einem Bart, darstellen. Das ist, wie Maffei, wie Diodor von Sicilien und der Schriftsteller unter dem Namen Orpheus bemerken, Dionysos Dimorphos, Bacchus der Zweygestaltige, oder mit zwey Gesichtern; ganz so, wie man den Janus bey den Römern, und Cecrops bey den Griechen vorstellt.

Der Gott Mars wird auf alten Denkmählern auf eine ganz gleichförmige Weise vorgestellt; als ein grosser Mann mit Helm, Spiess und Schild; bisweilen als junger Mann ohne Bart; bisweilen mit Bart. (S. Montfaucon)

Priap wurde bisweilen unter der Gestalt eines Grenzgotts, mit einem Bart, der sich in zwey Hälften theilt, und ihm bis auf die Brust reicht; und mit sehr langem Knebelbart vorgestellt.

Neptun sieht man auf einer grossen Anzahl alter Denkmähler gewöhnlich nackt und bärtig, wie er seinen Dreyzack, sein gewöhnlichstes Symbol, ohne welches man ihn nie trifft, in der Hand hält. Philostratus beschreibt die Figur des Glaukus, eines andern Meeresgotts folgendermassen: "sein Bart ist feucht und weiss, seine Haare dicht, und sie hängen ihm bis auf die Schultern."

Bisweilen stellte man die Flüsse, welche ihren Namen und ihr Wasser bis ins Meer tragen, durch eine bärtige Figur vor; anstatt dass diejenigen, die ihren Namen und ihr Wasser in einem andern Fluss verlohren, ehe es ins Meer kam, ohne Bart, oder unter einer weiblichen Figur dargestellt wurden; ob diese Bemerkung gleich nicht immer anwendbar ist; denn man findet Medaillen und andere alte Kunstwerke, wo sie nicht Statt findet; z. B. eine Medaille von Philippus, wo Marsyas und Mäander ohne Bart sind. Man darf daher, wenn man einen Fluss ohne Bart vorgestellt findet, nicht sofort schliessen, es sey ein kleiner, nicht beschiffbarer Fluss.

Obgleich die gewöhnlichste Art, wie man den Merkur zeichnet, diejenige ist, dass man ihn als einen schönen, bald nackten, bald mit einem, über die Schultern geworfenen Mantel, der gewöhnlich seine Blösse nicht bedeckt, bekleideten Jüngling mit einer Mütze, die man Petas nennt, und an welche Flügel befestigt sind, vorstellt, so findet man ihn doch auch, wiewohl seltner, mit einem Bart, obgleich dieser Zierrath mit den Beschreibungen Homers in vier und zwanzigsten Buch der Iliade und Virgils im vierten Buch der Aeneide von Merkur, und mit der Jugend, die ihm mehrere Alten geben, nicht zusammen zu stimmen scheint; allein diese Gründe können denjenigen nicht irre machen, der es weiss, dass dieselben Götter oft sehr verschiedentlich bekleidet und geschmückt waren, und dass diese Verschiedenheit am häufigsten bloss von dem Geschmack der Völker, oder von der Caprice der Mahler und Bildhauer abhing.

Man sieht auf einem runden, auf dem Capitol erhaltenen Altar einen Apollo mit seinem Bogen und mit einem Pfeil in der rechten Hand, und einen Merkur mit einem Bart am Kinn und mit seinem Heroldsstab in der Hand. Derselbe Gott ist auf einigen Hetruscischen Kunstwerken mit einem zugespitzten und vorwärts gebogenen Bart vorgestellt; eine Vorstellung, die aus der ältesten Art, wie sie lange Bärte trugen, bey den ersten Hetruskern entsprang. Die ältesten Griechischen Merkure haben wahrscheinlich dieselbe Gestalt gehabt; denn die Sitte, solche breite und zugespitzte Bärte zu tragen, erhielt sich; und solche sind auch die in ihrer Hermen noch. (S. Winkelmanns Geschichte der alten Kunst)

Ich setze hinzu, dass Merkur nach den verschiedenen Verrichtungen, die man ihm zuschrieb, auch verschiedene Gestalten gehabt hat. Wenn er nämlich das Amt des Götterbotes versah, hatte er Flügel an den Fersen, und einen Heroldsstab in der Hand. Stellte man ihn als den Gott der Beredsamkeit vor, so war es eine untersetzte Figur mit einem Kopf. Sah man ihn als den Beschützer der Kaufleute an, so trug er einen Geldbeutel. Nach diesen verschiedenen Ideen von ihm gab man ihm bald einen Bart, bald nahm man ihm denselben wieder. So gibt Artemidor diesem Gott einen Bart; dasselbe thut Pausanias, indem er von einer marmornen Statüe des Markur spricht, die auf dem Markt zu Pharä, einer Stadt in Achaja stand, und wo er sagt, dass er mit diesem Zierrath vorgestellt war.

Vielleicht war auch die Statüe, die Herr von Cauroi gegen das Ende des zweyten Jahrhunderts zu Beauvais entdeckte, und die zu vielen Muthmassungen die Veranlassung gab, nichts anders, als eine Statüe des Merkur. Es darf diess nicht befremden, denn die Verrichtung, die man ihm am Grabe des Healissus, auf welchem Merkur dargestellt ist, gibt, scheint einen Bart zu fordern; weil die Alten, wie wir diess auch in der Folge bemerken werden, zur Zeit der Trauer ihren Bart wachsen liessen. Man weiss übrigens, dass man Merkur die Verrichtung gab, die verstorbnen Seelen in die Unterwelt zu bringen, oder diejenigen, welche schon darin waren, wieder aus derselben zu befreyen. Und da war der Bartt ein sehr bedeutendes Zeichen, um den Schmerz auszudrücken, den man im Augenblick der Trennung der Seele von dem Leben als betrachtender Zuschauer des Todes fühlt. Diodor von Sicilien lehrt uns (im zweiten Buch seiner Biblioth.) dass unter allen Völkern die Aegyptier die ersten waren, welche diess Amt dem Merkur gaben. "Sie (die Aegyptier) halten den Merkur für den Führer der abgeschiedenen Seelen, vermöge einer alten Aegyptischen Einrichtung, das Cadaver des geweihten Stiers, wenn man es bis an einen gewissen Punkt gebracht hat, demjenigen zu übergeben, der die Gestalt des Cerberus hat. Die Griechen nahmen durch die Reisen, die sie nach Aegypten thaten, diese religiösen Vorstellungen von den Aegyptern an. Homer bezeugt, dass Penelope, Ulysses Gemahlin erwartete, dass Merkur mit seinem Heroldsstab kommen würde, ihre Seele von ihrem Körper zu trennen. Diese Meynung ging in der Folge zu den Lateinern über, und nichts ist gewöhnlicher, als sie in ihren Dichtern ausgedrückt zu finden. Man sehe deshalb Virgils Aeneide. Kam es Merkur jemahls zu, einen Bart zu tragen, so war diess ohne Zweifel bey denjenigen Gelegenheiten der Fall, wenn es darauf ankam, eine Trauerhandlung auszudrücken, zu welcher ein langer Bart nicht übel passte.

Nichts ist ungewöhnlicher, als den Gott Herkules ohne Bart zu finden. Fast immer ist er mit diesem Zierrath auf den alten Denkmählern abgebildet, die wir von ihm haben; wie Montfaucon in seinem erklärten Alterthum</b> bemerkt. Man findet nur eine zu Tarsus geschlagene Medaille, sagt dieser gelehrte Alterthumsforscher, dass diese sonderbare Art, Herkules vorzustellen, der Stadt Tarsus eigen gewesen seyn müsse. Die Gottheiten waren, wie wir gesehen haben, in verschiedenen Städten verschiedentlich abgebildet.

Die Heiden gaben nicht bloss den Göttern einen Bart. Sie haben selbst bisweilen ihre Göttinnen mit diesem Attribut vorgestellt. Die Römer verehrten die Göttin Venus unter der Vorstellung eines Barts; man nannte sie auch deshalb die bärtige Venus. (Man sehe bei Suidas) Diess geschah, sagt man, um die Nothwendigkeit der Vereinigung der beyden Geschlechter zur Erzeugung zu bezeichnen. Nach dem Bericht des Macrobius (im dritten Buch der <i>Saturnalien im achten Kapitel) war Venus auf der Insel Cypern mit einem Bart am Kinn, unter der Gestalt einer weiblich gekleideten Mannsperson vorgestellt. "Das Bild derselben ist zu Cypern, mit bärtigem Körper, aber weiblicher Kleidung, mit männlichem Scepter und männlicher Statur; und sie glauben, sie sey Mann und Weib zugleich." Man setzte, wie man sieht, die Meynung bey sich fest, sie sey doppelten Geschlechts. Auch nennt sie Aristophanes ein "Zwittergeschöpf".

VI. Bärte, die man den Göttern darbot

Man darf sich nach dem so eben erwähnten eingeführten Gebrauch, die Gottheiten mit einem Bart vorzustellen, nicht wundern, dass man im Alterthum seine Götter durch Darbringung der Erstlinge seiner Haare und seines Barts sehr zu ehren geglaubt hat. Diess war, wie wir aus Kallimachus wissen, auf der Insel Delos der Fall, und die Mädchen brachten da die Erstlinge ihrer Haare zu dem Grabe der drey Töchter des Boreas als eine Gabe, die sie ihren Manen weihten; und die Jünglinge thaten dasselbe mit dem Erstlingshaar ihrer Bärte, die sie zum Grabe der Söhne des Boreas brachten, welche ihre Schwestern nach Delos begleitet hatten.

Pausanias bezeugt, dass dasselbe am Grabe der Phinoe, der Tochter des Alcathous geschah. Plutarch bemerkt in Theseus Leben, die Jünglinge, welche so eben erst einen Bart bekämen, widmeten die Erstlinge desselben dem Apollon und gingen deshalb nach Delphi. Statius sagt da, wo er von diesem religiösen Gebrauch spricht:


Jener liess Phöbus sein Haar, und
dieser liess Bacchus es wachsen.

Wir wissen aus Dio Cassius, dass Nero sein erstes Barthaar in eine goldene Büchse that, die reich mit Steinen besetzt war, und es so dem Kapitolinischen Jupiter widmete. Sueton erzählt dasselbe von diesem Fürsten. "Bey einem gymnastischen Schauspiel, das er in verschlossenen Schranken hielt, nahm er unter Bereitung eines feyerlichen Opfers seinen ersten Bart ab, legte ihn in eine goldne Büchse, und widmete sie, mit den besten Perlen geziert, dem Kapitolinischen Jupiter."

Auch war es eine alte Gewohnheit, seinen Schmerz worüber zu bezeugen und zu trauren. Orestes spricht bey Aeschylus von Jammerhaaren, Haaren der Trauer, und er nennt das Haar so, das er sich auf dem Grabe seines Vaters Agamemnon abschnitt. Eben so nannte Electra die Ihrigen, die sie den Manen ihres Vaters zu widmen im Begriff war. Festus Pompejus sagt, es habe zu Rom einen Baum gegeben, woran die jungen Leute ihr erstes Haar aufhingen, welches sie den Göttern widmeten, um weshalb man diesen Baum den "Haarbaum" oder den Baum für die Haare nannte.

Diese Sitte, irgend einer Gottheit die ersten Haare des Barts zu widmen, ging aus dem heidenthum in das Christenthum über, und man widmete sie, anstatt dass man sie einem heidnischen Gott zueignete, irgend einem heiligen Märtyrer oder dem wahren Gott. Im Leben des heiligen Wilhelms, Herzogs von Aquitanien von dem Pater Mabillon heisst es, die Mönche widmeten Gott ihre Bärte, wenn sie sich rasiren liessen. Es scheint, der heilige Paulinus, Bischof von Nola, übte diese Gewohnheit und brachte die Erstlinge seines Barts dem heiligen Felix dar.