Bill Haley

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Kapitel "Bill Haley" aus dem Buch Awopbopaloobop Alopbamboom (1969) von Nik Cohn

Bill Haley war gross und rundlich und hatte ein Babygesicht. Auf seiner Stirn klebte eine Sechserlocke wie ein grosses C, mit Pomade und Wasser geformt, und er hatte eine Wampe. Wenn er sang, dann grinste er endlos und breit, aber seine Augen blickten ins Leere. Und er war fast dreissig, verheiratet, Vater von fünf Kindern. Nun, auf jeden Fall war er kaum von dem Holz, aus dem man Idole schnitzt.

Trotzdem wurde er zum ersten Boss des Rock. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere machte er einen Film mit dem Titel Rock around the clock, und als der hier gezeigt wurde, da wurde in den Gängen getanzt, da rissen die Teds die Kinositze auseinander, schlugen sich auf die Köpfe und machten alles zu Kleinholz, was ihnen in den Weg kam. Die ganze Rebellion des Rock fand in ihm ihren Ausdruck.

Die Handlung des Films war kaum mehr als Bill Haleys Grinsen. Er zupfte seine Gitarre, und seine Sechserlocke zitterte. Er sang den Titelsong, und der Beat steigerte sich, und überall liefen die Teds Amok.

Sie trugen Röhrenjeans, Dreivierteljacken, spitze Schuhe, Kordelschlipse, und meistens waren sie klein, dünn und picklig. Als sie aufwuchsen, waren die Lebensmittel rationiert, und daher waren sie meistens unterernährt und rattengesichtig. Sie erschienen als die unsympathischsten und übelsten Teenager, die es je gegeben hatte, und wenn sie aufgeputscht waren, dann zogen sie ihre Schnappmesser und stachen aufeinander ein. Um das zu verhindern, wurde Rock around the clock in manchen Städten verboten.

Bis jetzt waren die Halbstarken eine ziemliche Minorität gewesen, aber als sie Krawall machten, da wurden sie von der Presse als Stoff für Leitartikel entdeckt, und man entschied, dass sie Revolution auf ganzer Linie bedeuteten. Zum erstenmal wurde das Teenager-Problem zur Nachricht, zum grossen Verkaufsschlager, und im Handumdrehen klinkten sich alle ein: Kirchenleute erboten sich, geistlichen Trost zu spenden, Psychologen kamen mit Erklärungen, Behörden griffen hart durch, Eltern gerieten in Panik, Geschäftemacher wurden reich, und Rock war auf einmal Zentralthema.

Natürlich reagierten die Teenager schnell. Es gab mehr Krawalle, mehr Messer, sogar ein paar Tote. Und die Zeitungen erregten sich noch mehr, die Panik wurde grösser, alles schaukelte sich gegenseitig hoch, und plötzlich war der Generationskrieg offene Tatsache. Er war nicht mehr unterschwellig und auch keine Neuigkeit. Er hatte richtige Bedeutung. Und obendrein bedeutete er Geld.

Bill Haley war ein alter Hase, und grinste weiter. In einer Vorstadt von Detroit 1927 geboren, hatte er schon als Dreizehnjähriger begonnen, für einen Dollar den Abend Gitarre zu spielen. Später leitete er eine Country'n'Western-Gruppe und tingelte durch den Mittelwesten, ohne irgendwie voranzukommen. Dann spielte er sechs Jahre für eine kleine Radiostation, bis er schliesslich ungefähr 1951 den schlauen Einfall hatte, die Country-Musik sausen zu lassen und ganz zum kommerziellen R&B zu wechseln.

Zuerst hörte er sich genau den bestverkäuflichen farbigen Blues jener Zeit an, Louis Jordan und Wynonie Harris, und ahmte den Beat nach. Dann ging er daran, die Texte, die Sexualität des Originals zu verwässern und sie für ein weisses Publikum akzeptabel zu machen. Und schliesslich änderte er den Namen seiner Gruppe in Comets ("Das klang irgendwie irre, wild") und dachte sich ein paar akrobatische Bühneneinlagen aus. Jetzt konnte es losgehen.

1951 hatte er mit seinem neuen Stil einen kleineren Erfolg, "Rock the joint". Im nächsten Jahr wurde es noch besser mit "Crazy, man, crazy", und dann 1954 kam er endlich gross raus mit "Shake, rattle and roll". Später in demselben Jahr machte er "Rock around the clock", einen Aufguss von Ivory Joe Hunters grossem Hit in den R&B Charts.

Musikalisch war alles ziemlich schauderhaft. Haley war ein einigermassen guter Country-Gitarrist, aber er war nicht im entferntesten ein Sänger, und seine Kometen hörten sich an, als trügen sie alle Betonstiefel. Der Beat war schwerfällig und langweilig. Als einziger von den frühen Rockern besitzt Haley heute keinen Charme mehr, nicht einmal Nostalgie verbindet sich mit ihm - "Rock around the clock" wurde 1968 wieder ein kleinerer Hit, aber für mich klang er einfach schlecht.

"Rock around the clock" war nicht besser und auch nicht schlechter als das meiste, was Bill Haley produzierte. Der Sound war lächerlich, ein Arrangement existierte nicht, aber der Beat war da, und Haley schrie laut. Ehrlich gesagt, es war ein Schmarrn, aber es stand am Anfang, und deshalb war es so erfolgreich. Es hatte keine Konkurrenz.

Ursprünglich verkaufte es sich als eine Neuigkeit, beinahe als Witz. Dann nahm sich die Presse seiner an, wetterte lauthals dagegen, nannte es Anti-Musik, und plötzlich wurde es zum grossen Generationssymbol, ein soziales Phänomen eigener Art. Am Ende war es zum Ursprung einer ganz neuen Musik geworden, und Bill Haley wurde ganz automatisch zum Führer. Er hatte Glück gehabt, klar, aber er war auch lange genug im Geschäft gewesen, und niemand konnte ihm ernsthaft seinen Durchbruch missgönnen.

Bald stellte man ihn in einem Film heraus, Blackboard jungle. Das Ganze war die alte, abgedroschene Leier von der Jugendkriminalität und die Verallgemeinerung von Teen-Problemen. In der Anfangsszene sah man die verkommenen Schulkinder so richtig zuchtlos auf dem Spielplatz herumtoben, und Bill Haley sang dazu "Rock around the clock". Das alles half - der Film war erfolgreich, verursachte Diskussion und Aufregung, half, die Platten zu verkaufen. Und überdies verfestigte sich die Fiktion von der einzigartigen Lebensweise der Teenager unter Bill Haley, ihrem Führer.

Ganz 1955 bis hinein nach 1956 kontrollierte er unangefochten. Er machte einen neuen Millionen-Verkaufserfolg, "See you later alligator", und noch einen Monsterfilm, Don't knock the rock. Und er war alles - Sänger, Idol, Prophet, Neuerer - niemand anders zählte. Aber dennoch waren die ganze Zeit schon seine Tage gezählt. Er war ein Frühstarter, aber er war dem Rest des Feldes nur so lange voraus, bis die jüngeren, die härteren Burschen, die mit mehr Sex-Appeal, ihn eingeholt und in Grund und Boden gestampft hatten.

Don't knock the rock war das Signal. Es war Bill Haley's Film, aber er wurde an die Wand gedrückt von Littel Richard, einem garantiert echten Rock-Heuler aus Macon, Georgia. Little Richard war das einzig Wahre. Bill Haley nicht. Haley grinste weiter, aber im Vergleich mit dem kleinen Richard war er einfach schlaff, sah echt albern aus.

Das Aufkommen von Elvis Presley schaffte ihn dann wirklich. In dem Augenblick, wo Elvis "Heartbreak hotel" aufgenommen hatte, war Haley verloren, weg vom Fenster. Plötzlich sah ihn sein Publikum, wie er wirklich war - ältlich, verheiratet, abgedroschen, spiessig, zutiefst langweilig - und das war's. Innerhalb eines Jahres konnte er zum Verrecken keinen Hit mehr auf die Beine stellen. Natürlich war das grausam, aber es war ebenso unvermeidlich.

1957 machte er eine Tournee durch England. Zu dieser Zeit hing er in Amerika schon in den Seilen, aber in Britannien war man noch nicht ganz soweit, und daher bedeutete seine Ankunft den ersehnten Höhepunkt. Von Southampton nach London fuhr er hochherrschaftlich im Bill Haley-Sonderzug, arrangiert vom Daily mirror, und in Waterloo wurde er empfangen von dreitausend Fans, von denen viele den ganzen Tag auf ihn gewartet hatten. Er grinste. "Es ist wundervoll, hier zu sein", sagte er. "Mir wird es in England bestimmt gefallen. Und ich hoffe, ich werde auch England gefallen." Das einzige, was er vergass, war zu erwähnen, wie freundlich doch die Bobbies sind.

Am 12. Februar spielte er im Dominion, Tottenham Court Road. Und dieses Konzert wurde zum Prototyp aller folgenden. Die Musik ging unter im Kreischen, Pfeiefen, Stampfen und Brüllen. Die Galerie bebte so, dass die Leute drunter den Boden sich biegen sahen. Zu hören war nur der Beat, der Verstärkerlärm, das Nonstopgebumse.

Der einzige Kummer war Haley selbst. Statt eines Rockers des Raumzeitalters, arrogant und gemein und gewaltig, entpuppte er sich als altmodisches Museumsstück des Vaudeville. Sein Saxophonist wimmerte, tutete und lehnte sich zurück, bis sein Körper parallel zum Boden war und sein Kopf fast die Bretter berührte. Und dabei blies er die ganze Zeit wie wahnsinnig. Der Bassist lag auf seinem Instrument, kletterte auf ihm herum, benutzte es als Trampolin. Haley grinste. Es war Slapstick, Bums, und es war absolut peinlich. Und das Publikum war zu sehr voreingenommen und manipuliert, um sich in dem Augenblick dagegen aufzulehnen. Aber als alles vorbei war, als das Gebrüll und das Gestampfe verebbten, da blieb ihm nichts anderes übrig, als die Tatsachen zu sehen - und da war Haley gestorben.

Es war wirklich ziemlich bitter. Schliesslich war er doch für alle das erste Popmusik-Erlebnis gewesen, und jetzt kamen sie sich vor wie jemand der sich besäuft, seine Jungfernschaft verliert und am nächsten Morgen in einem leeren Bett aufwacht.

Bill Haley selbst musste einem einfach leid tun. Er war ein freundlicher Mensch und konnte nicht verstehen, was geschehen war. Zugegeben, er hatte ein Vermögen verdient und für den Rest seines Lebens ausgesorgt, aber es muss dennoch eine ziemlich grausame Wende für ihn gewesen sein.

Er nahm es philosophisch hin, schuftete weiter, machte neue Singles, ging auf Tournee, klebte sich die Schmalzlocke immer wieder mit Wasser und Pomade an die Stirn, zupfte die Gitarre und grinste ohne Unterlass. 1964 kam er wieder nach England, fast unverändert. Diesmal wurde nicht viel von ihm erwartet, man betrachtete ihn als historische Kuriosität und empfing ihn einigermassen freundlich. Mit siebenunddreissig war er attraktiv in seiner Resignation. "Ich bin jetzt alt", sagte er, "aber ich bin rumgekommen. Ich bin wirklich rumgekommen." Und er nickte bedächtig mit dem Kopf, als habe er wirklich alles gesehen, was es zu sehen gibt.